Die S-Bahn bietet rudimentäre Leistungen bei vollem Fahrpreis. Nun kommt ein radikaler Vorschlag: Nulltarif, bis das Chaos beendet ist. Pro und Contra – diskutieren Sie mit!
Das Thema Entschädigung: Der Stand der Dinge
Die S-Bahn lässt ihre Fahrgäste weiter lange warten – auf einen Zug oder auf eine Entschädigung. Fahrgäste fordern bereits, dass die S-Bahn jetzt zum Nulltarif fahren müsse, bis sie wieder den Normalbetrieb anbietet. Schließlich habe sie ihr Angebot drastisch reduziert und innerhalb des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) jetzt im neuen Jahr sogar die Preise erhöht. Wo es keine Leistung gibt, dürfe man auch kein Geld verlangen, argumentieren Befürworter des Nulltarifs. Dieses Prinzip müsse auch für die S-Bahn gelten. Wer jetzt erheblich mehr Zeit braucht, um sein Ziel zu erreichen, solle dafür nicht auch noch bezahlen müssen. Derzeit kann sich eine Fahrt mit der S-Bahn gewaltig verlängern, vor allem, wenn man …
POTSDAM – Bus- und Bahnfahren in Berlin und Brandenburg wird vom Wochenende an teurer. Zum 1. Januar 2011 tritt eine Preiserhöhung in Kraft, die der Aufsichtsrat des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) schon im Juni beschlossen hatte. Demnach steigen die Fahrpreise im Durchschnitt um 2,8 Prozent. Es ist die erste Preiserhöhung seit April 2008. Der Einzelfahrschein Berlin ABC kostet künftig drei Euro, 20 Cent mehr als bisher. Die Monatskarte für den selben Bereich kostet künftig 91 Euro statt wie bisher 88,50 Euro. Der Preis für die Monatskarte für einen Landkreis in Brandenburg klettert von 77,40 Euro auf 79,50 Euro. Der Berliner Fahrgastverband Igeb kritisierte die Preiserhöhung angesichts des Chaos bei der Berliner S-Bahn als „Zumutung für die Fahrgäste“. Zudem würden Mängel im Tarifsystem weiter verschärft. So steige der Preis für eine …
Eine Tariferhöhung ist nie populär. Aber die zum 1. Januar 2011 erfolgende Anhebung der meisten Fahrpreise im VBB-Tarif für Berlin und Brandenburg stößt auf so viel Unverständnis wie selten zuvor, denn die Berliner S-Bahn (und das betrifft auch viele Brandenburger Fahrgäste) sowie der BVG-Busverkehr erbringen nicht die vertraglich vereinbarten Verkehrsleistungen. Das war auch schon vor dem heftigen Wintereinbruch der Fall und ist zu einem großen Teil auf Mängel zurückzuführen, die die Politik mit ihren Sparvorgaben und die Verkehrsunternehmen selbst zu verantworten haben. Aber unabhängig davon, wie viele der aktuell ausfallenden oder verspäteten Fahrten bei Bahnen und Bussen in Berlin und Brandenburg auf vermeidbare Fehler und wie viele das extreme Winterwetter zurückzuführen sind, ist es eine Zumutung für die Fahrgäste, in einer solchen Krisensituation die Fahrpreise anzuheben. Der Berliner Fahrgastverband IGEB kritisiert dafür nicht nur die Verkehrsunternehmen, sondern auch die Landesregierungen in Berlin und Brandenburg, die diese Zumutung mit zu verantworten haben. Schon vor der im Juni beschlossenen Fahrpreiserhöhung im VBB-Tarif hatte der Berliner Fahrgastverband IGEB gegen diese Absicht heftig protestiert. Die damals genannten Gründe haben durch die zwischenzeitliche Entwicklung noch an Bedeutung gewonnen. Strukturelle Mängel und Ungereimtheiten im VBB-Tarif werden nicht beseitigt, sondern zum Teil noch verschlimmert. Lange Zeit wurde in Aussicht gestellt, dass bei der nächsten Tariferhöhung die Stammkunden, also die Zeitkartenkäufer, verschont werden. Sie waren bei den letzten Tariferhöhungen überdurchschnittlich belastet worden, so dass man in Berlin mehr Einzelfahrkarten kaufen kann, bevor sich eine Monatskarte lohnt, als in jedem anderen deutschen Verbundgebiet. Doch nun werden die Zeitkarten auch 2011 wieder teurer. Ein besonders eklatantes Beispiel: Die Monatskarte für Berlin (AB) wird von 72 auf 74 Euro verteuert (+2,8%). Der Preis für den Einzelfahrschein beim Kauf einer 4-Fahrten-Karte wird von 2,00 auf 2,05 Euro erhöht (+2,5 %). Das ist also eine geringere Erhöhung als bei der Monatskarte und zementiert das Missverhältnis zwischen beiden Tarifen. Erst, wenn ein Fahrgast im Monat mindestens 37 einzelne Fahrten zu 2,05 Euro macht, lohnt sich der Kauf einer Monatskarte für 74 Euro. Das ist ein deutschlandweiter Negativrekord (s. Tabelle http://www.igeb.org/pressedienst/files/igebpresse_20101229.pdf ) und steht dem Ziel, durch günstige „Flatrate-Tarife“ Kunden zu binden, entgegen. Ärgerlich und nicht vermittelbar ist die Tariferhöhung 2011 auch deshalb, weil die letzten drei Jahre gezeigt haben, dass S-Bahn und BVG ihre Fahrgeldeinnahmen auch ohne Tariferhöhungen steigern können: allein durch Fahrgastzuwachs. Die Preisstabilität hat sich positiv auf die wirtschaftliche Situation der Verkehrsunternehmen ausgewirkt und – trotz verschlechtertem S-Bahn-Angebot – zu einer Erhöhung der Fahrgast- und Abonnentenzahlen geführt. So konnte die BVG die Zahl der Zeitkartenabonnenten von 214.000 (2008) über 255.000 (2009) auf 282.000 (2010) steigern. Die Fahrgeldeinnahmen insgesamt stiegen von 492 Mio Euro (2008) über 507 Mio Euro (2009) auf voraussichtlich 523 Mio Euro im Jahr 2010. Angesichts dieser Erfolgsbilanz ist es unbegreiflich, dass nun wieder riskiert wird, durch nicht vermittelbare Preissteigerungen Fahrgäste, insbesondere Stammkunden, zu verlieren. In diesem Zusammenhang erinnert der Berliner Fahrgastverband IGEB zum wiederholten Mal an eine Äußerung von Berlins Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer: „Wir haben uns heute in offener Atmosphäre mit dem VBB, der S-Bahn, DB-Regio und der BVG über die Tarifstruktur des ÖPNV in Berlin und Brandenburg ausgetauscht. Unter den Teilnehmern konnte Einigkeit erzielt werden, dass wir in Berlin und Brandenburg eine Tarifstruktur benötigen, mit der es gelingt, mehr Fahrgäste für den ÖPNV zu gewinnen und stabile Kundenbeziehungen aufzubauen. Die derzeitige Tarifstruktur wird in den nächsten Monaten von den Verkehrsbetrieben, den beiden Bundesländern und dem VBB überarbeitet“, erklärte Berlins Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer am 9. Oktober 2006. Und weiter: „Eine nachvollziehbare transparente Tarifstruktur, die bis zum Jahr 2010 angelegt sein sollte, muss durch Verlässlichkeit und Verbindlichkeit den Kunden gegenüber dauerhaft Fahrgastverluste verhindern.“ Seit 2006 kam es weder zur versprochenen Überarbeitung der Tarifstruktur, noch konnte sich die Senatorin mit ihrer in den letzten Jahren wiederholt vorgetragenen berechtigten Forderung durchsetzen, dass der Einzelfahrausweis in Berlin innerhalb der zweistündigen Geltungsdauer wieder wie früher beliebige Fahrten, also auch Hin- und Rückfahrt, ermöglicht. Verstärkt wird die Verärgerung der Fahrgäste über die Politiker, weil diese immer wieder behaupten, dass die Tarife in Berlin besonders günstig seien. Das trifft jedoch nur auf einzelne Tarife wie bei den Zeitkarten für Schüler und Senioren zu. Die Vergleichstabelle ( http://www.igeb.org/pressedienst/files/igebpresse_20101229.pdf ) mit anderen Großstädten zeigt, dass Berlin bei vielen Tarifen an der Preisspitze steht ? insbesondere bei den Monatskarten. Jede Analyse kann eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass die Tariferhöhung zum 1. Januar 2011 in jeder Hinsicht falsch und nicht vermittelbar ist. Da angesichts des monatelangen Vorlaufs und der technischen Rahmenbedingungen eine Aussetzung leider unrealistisch ist, fordert der Berliner Fahrgastverband IGEB umso nachdrücklicher: 1. Zusage einer erneuten umfassenden Entschuldigungsregelung für das Sommerhalbjahr 2011, an der sich neben der S-Bahn dieses Mal auch die BVG finanziell beteiligen muss 2. Keine weitere Tariferhöhung 2011 und 2012 3. Strukturelle Verbesserungen im VBB-Tarif, insbesondere zugunsten der Stammkunden (Käufer von Monats- und Jahreskarten) (Pressemeldung Berliner Fahrgastverband IGEB e.V., 30.12.10).
Zum 1. Januar 2011 ändern sich die Fahrpreise für Busse und Bahnen im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Die Preise werden um durchschnittlich 2,8 Prozent steigen und liegen damit aber weiterhin unter der Inflationsrate in beiden Ländern (seit April 2008 3,1 Prozent). In Berlin kostet der Einzelfahrausweis AB ab dem 1. Januar 2011 2,30 Euro statt wie bisher 2,10 Euro. Demgegenüber wird der Preis für die 4-Fahrten-Karte in Berlin AB deutlich geringer angehoben: Statt 8 Euro müssen künftig 8,20 Euro dafür bezahlt werden (+2,5 Prozent). Der Umstieg zur 4-Fahrten-Karte lohnt sich also noch mehr. Der Preis für den Berliner Einzelfahrausweis ABC steigt um 20 Cent auf 3 Euro. Die Preise für die ermäßigten Einzelfahrausweise AB (1,40 Euro) und die ermäßigte 4-Fahrten-Karte (5,30 Euro) bleiben stabil. Günstiger werden die Kleingruppen-Tageskarten in Berlin AB (15,00 Euro statt 15,90), BC (15,30 Euro statt 15,40) und ABC (15,50 Euro statt 16,10). Alle ermäßigten Einzelfahrausweise und Tageskarten außerhalb des Tarifbereichs Berlin ABC bleiben preisstabil. In den kreisfreien Städten Brandenburg an der Havel, Frankfurt (Oder) und Cottbus verteuert sich der Einzelfahrausweis AB um 10 Cent auf 1,30 Euro, in Potsdam auf 1,80 Euro. Im Zeitkartentarif steigt der Preis für die Monatskarte VBB-Umweltkarte Berlin AB auf 74 Euro (+2,8 Prozent), für ABC auf 91 Euro (+2,8 Prozent). In Potsdam kostet diese Monatskarte AB künftig einen Euro mehr (36 Euro), in Brandenburg an der Havel, Frankfurt (Oder) und Cottbus jeweils 50 Cent mehr (37 Euro). Das VBB-Abo 65plus behält seinen bisherigen Preis mit monatlich 47 Euro. Auch die Abonnements für Berliner Schüler und Auszubildende verändern sich nicht. Für Potsdamer Schülerinnen und Schüler verringert sich der Preis im Abonnement um 10 Prozent. Das Abonnement mit jährlicher Abbuchung stellt künftig in Berlin AB die günstigste Jahreskartenform dar – 675 Euro im Jahr. Die Jahreskarte in Einmalzahlung sowie das Abonnement mit monatlicher Abbuchung kosten künftig 695 Euro im Jahr. Die alten Fahrausweise können noch bis zum 14. Januar 2011 abgefahren werden – danach werden sie bei den Verkehrsunternehmen gegen Zuzahlung des Differenzbetrages umgetauscht. Die letzte Fahrpreisanpassung im VBB gab es am 1. April 2008. Der Preis für den Berliner Einzelfahrausweis AB wurde das letzte Mal im August 2005 erhöht (PressemeldungVBB, 29.12.10).
Philipp Rössel fasst das Ergebnis in einem Satz zusammen: „Einkommen niedrig, Fahrpreise hoch.“ So lautet für Berlin das Fazit der Studie, die sich mit den Nahverkehrstarifen in 93deutschen, österreichischen und schweizerischen Städten befasst. Danach müssen die Fahrgäste in der Hauptstadt für zwölf Monatskarten rund 3,2Prozent des durchschnittlichen Bruttojahreseinkommens ausgeben. In keiner anderen Stadt, die Rössel und sein Team von der Leipziger Unister Holding in den drei Ländern untersucht haben, müsse dafür ein so hoher Anteil des Einkommens aufgewendet werden. Anders gesagt: Angesichts der Summe, die der Durchschnittsberliner für seine Arbeit bekommt, sind Bus und Bahn teuer. Zwölf Monatskarten für das Berliner Stadtgebiet kosteten bislang …
In den zwei ersten Monaten seit der Einführung des 10 Euro-Tickets für die Fahrt zwischen Berlin und Stettin hat sich das neue Angebot bereits bewährt: Die Zahl der verkauften Fahrausweise auf dieser Strecke ist deutlich gewachsen. Insgesamt wurden im September 2010 rund 4.000 10 Euro-Tickets verkauft. Das ist im Vergleich zum Vorjahresmonat eine deutliche Steigerung um rund 400 Prozent. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg und DB Regio haben das 10 Euro-Ticket Berlin-Stettin im August neu eingeführt. Seit dem 1. August 2010 kostet die Einzelfahrt zwischen Berlin AB und Stettin statt 16,70 Euro nur noch 10 Euro. Diese Preissenkung hat viele Reisende überzeugt: Bereits im ersten Monat der Einführung des 10 Euro-Tickets verdoppelte sich die Zahl der verkauften Fahrausweise auf rund 2.300, im September verfünffachte sich die Zahl sogar im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das Konzept sei aufgegangen, freut sich der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, Hans-Werner Franz: „Um die Strecke attraktiver und konkurrenzfähig zum Minibus- und Autoverkehr zu machen, haben wir gemeinsam mit DB Regio die deutliche Preissenkung um 40 Prozent gewagt. Die positive Bilanz der ersten zwei Monate ist sehr erfreulich und zeigt, dass es lohnt, die Verbindung zwischen Berlin und Stettin aufzuwerten. Stettin als nächstgelegene Großstadt ist für unsere Hauptstadtregion ein ebenso interessantes Reiseziel wie es Berlin für die Stettiner ist.“ Wichtig sei, so Franz weiter, dass nun auch die Elektrifizierung und der Ausbau des eingleisigen Streckenabschnitts zwischen Passow und Stettin vorangetrieben werden. Hier müsse endlich ein entsprechender Staatsvertrag zwischen der Bundesregierung und Polen unterzeichnet werden. Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2010 wird das Zugangebot auf der Strecke neu geordnet. Statt zwei wird es täglich drei Direktverbindungen von Berlin nach Stettin und zurück geben. Reisende können künftig beide Städte morgens, mittags und abends ohne umzusteigen gut erreichen. Die Fahrzeit beträgt in der Regel weniger als zwei Stunden. Die Einzelfahrt im Ermäßigungstarif Berlin AB – Stettin kostet 7,50 Euro, ein Angebot zum Beispiel für Kinder von 6 bis einschließlich 14 Jahren sowie für Inhaber der BahnCards 25 und 50 oder der polnischen REGIOkarta. Der Preis der Tageskarte (eine Hin- und Rückfahrt) beträgt 20 Euro (ermäßigt 15 Euro). Für die Verbindungen von Potsdam AB oder Berlin Schönefeld Flughafen nach Stettin kostet die Einzelfahrt 11,40 Euro, im Ermäßigungstarif 8,50 Euro und die Tageskarte 22,80 Euro, im Ermäßigungstarif 17,00 Euro. Die Einzelfahrausweise und Tageskarten des VBB-Tarifs von und nach Stettin werden auch im Stettiner Stadtverkehr (in den Straßenbahnen und Bussen) anerkannt (Pressemeldung VBB, 16.11.10).