Radverkehr + Straßenverkehr: Berlin soll mit 60 Mal weniger Leihstationen auskommen als Paris

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Diese Woche hat die Deutsche Bahn angekündigt, ihr Leihfahrradsystem 'Call a bike' in Berlin zukünftig nur noch über fest installierte Stationen anzubieten. Bisher konnten verfügbare Fahrräder überall in der Stadt einfach per Telefonanruf oder Handy-Applikation ausgesucht, angemietet und nach Fahrtende an jeder beliebigen Kreuzung wieder abgestellt werden. Zu der Umstellung des Systems erklärt Michael Cramer, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen/EFA im Europäischen Parlament:
Einmal mehr macht die Deutsche Bahn AG eine fahrgastfeindliche Rolle rückwärts, die ihre Kunden nur noch sprachlos macht und die Anstrengungen für einen nachhaltigen Stadtverkehr weit zurückwirft. Die Bahn demontiert ihr gut funktionierendes, weil flexibles System, indem sie gerade das europaweit einzigartige Alleinstellungsmerkmal – die Unabhängigkeit von festen Stationen – abschafft. Dabei hatte sich die DB AG in den vergangenen Jahren immer erfolgreicher als Anbieter nachhaltiger Logistikketten positioniert. Damit scheint nun Schluss zu sein.
Für die Kunden von 'Call a bike' bedeutet dies zukünftig: Lästige Stationssuche und lange Wege vor und nach dem Gebrauch, statt spontanem Zugriff oder Rückgabe auf der Straße. Was die Sprecherin der Bahn in den Medien 'mehr Planbarkeit' nennt, ist in Wahrheit die geplante Umständlichkeit und die Verlängerung der Reisezeiten.
Die Nutzerzahlen werden durch diese Entscheidung dramatisch sinken – was die Kosten entsprechend hochtreiben wird. Hinzu kommt: Die überall in der Stadt sichtbaren Zweiräder mit dem Logo der DB AG waren beste Werbung für den Konzern – und allemal billiger als millionschwere ganzseitige Zeitungsanzeigen.
Und schließlich wirft die Entscheidung der Bahn den Umbau des Stadtverkehrs in Richtung Nachhaltigkeit zurück, weil die Leihräder nicht länger Teil einer integrierten grünen Mobilitätskette vom Bus über Tram und Bahn bis zum Leihwagen sind. Mobilität ohne eigenes Auto wird so erschwert – ausgerechnet in Berlin, wo schon heute fast 50 % der Haushalte über keinen PKW verfügen.
Den Flop perfekt macht die Tatsache, dass in Berlin nur 30 Stationen eingerichtet werden sollen, was das Auffinden einer nahen Station zur Glückssache macht. Das flächenmäßig fünf Mal kleinere Brüssel hat 180 Stationen installiert. In Paris finden sich mit 1800 Stationen gar 60 Mal so viele Entleih- und Rückgabepunkte wie in Berlin.
Die Bahn muss ihre kundenfeindliche Aktion rückgängig machen – so wie sie dies 2003 tun musste, als sie nach massiven Kundenprotesten das kundenfeindliche Ticketsystem zurücknehmen musste (Pressemeldung Michael Cramer, 26.03.11).

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