Bus: Rufbus als Vision fürs flache Land Von Doris Steinkraus Seelow (MOZ) Die Sicherung des öffentlichen Personen- und Nahverkehrs (ÖPNV) gehört zur Daseinsvorsorge, die der Landkreis zu gewährleisten hat. 6,8 Millionen Euro sind dafür im Haushalt 2010 vorgesehen., aus MOZ

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Angesichts des demografischen Wandels muss sich der Kreis zunehmend der Frage der Wirtschaftlichkeit stellen. Im Wirtschaftsausschuss wurde über alternative Verkehre diskutiert.

Es gibt Touren im Landkreis, wo Busfahrer zwei bis drei Fahrgäste haben. Mitunter fahren sie auch leer. Die Verkehrsunternehmen sichern über Verträge flächendeckend Linien. 5,6 Millionen Fahrplankilometer sind in Märkisch-Oderland gebunden. In die Kosten der Unternehmen sind allerdings auch eigene Einnahmen einkalkuliert. Werden es immer weniger Fahrgäste, steht die Frage der Wirtschaftlichkeit.

In anderen Landkreisen werden bereits erfolgreich Modelle für alternative Verkehr praktiziert und das mit erheblichen Einspareffekten bei gleichzeitig besserer Versorgung der Bürger. Petra-Juliane Wagner vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg berichtete im Wirtschaftsausschuss über die verschiedensten Varianten von Rufbussen. Am häufigsten sei der Linienrufbus. Er steht im Fahrplan, fährt aber nur, wenn er vorher telefonisch angefordert wird. Möglich sei auch der voll flexible Rufbus, der sich nicht an Linien, sondern am Fahrbedarf orientiert. In Gartz und Elbe-Elster gebe es gute Erfahrungen damit, so Wagner. Auch Bürgerbusse würden sich mittlerweile bewähren. Sie werden von Vereinen betrieben, z.B. in Gransee oder im Hohen Fläming. Event-Rufbusse, z.B. zu Theaterveranstaltungen oder Ausflugsstätten, funktionieren ebenfalls. Auch diese Verkehre bedürfen einer Genehmigung, machte Petra-Juliane Wagner deutlich.

„Solche Alternativen Verkehrsangebote brauchen einen langen Vorlauf, ein großes Marketing und ein enges Zusammenwirken mit den Kommunen“, machte die VBB-Frau deutlich. Und eine spezielle Software. Das erläuterte Andreas Obermeier von der telenet AG. Das Darmstadter Unternehmen bietet seit zehn Jahren auch in Brandenburg Leitsysteme und Beratungsdienste für den ÖPNV an. Denn alternative Verkehre können nur funktionieren, wenn es einen Pool gibt, bei dem alle Daten verfügbar sind: Linien, Abfahrzeiten, Anbieter, Schnittstellen mit anderen Verkehren. Alternativer Verkehr mache nur Sinn, wenn ein Bürger eine gesicherte Rufnummer hat, wo er kompetent Auskunft erhält. „Der Kunde ruft an oder fragt im Internet nach, erklärt seinen Fahrtwunsch und erhält sofort eine Auskunft, welche Variante für ihn die günstigste ist“, so Obermeier. In Elbe-Elster werde das System erfolgreich praktiziert. Während der Schulferien werde nur noch der alternative Verkehr angeboten und es funktioniere. Die Software ermögliche auch eine revisionssichere Abrechnung. Weitere vier Kreise seien in der Einführungsphase, im Sommer komme ein weiterer hinzu, erläuterte Obermeier.

Petra-Juliane Wagner nahm die Befürchtung, man würde damit privaten Fahrunternehmen Konkurrenz machen und sie vom Markt verdrängen. „Alternative Verkehre werden zum großen Teil durch solche Unternehmen realisiert“, so Wagner. Allein in Elbe-Elster sind 165 Fahrdienste in der Software erfasst.

Erste Erfahrungen im alternativen Verkehr hat die Barnimer Busgesellschaft. Er werde gut angenommen, wie Geschäftsführer Frank Wruck berichtete. Vor allem Pendler und Theaterbesucher würden das Angebot am Eberswalder Bahnhof nutzen. Derzeit sei das Unternehmen dabei, Möglichkeiten in Märkisch-Oderland zu prüfen. Man fahre aber mit eigenen Kollegen. Denn es werde zunehmend schwerer, ausgebildetes Fahrpersonal zu finden. Busverkehr sei ein Stoßgeschäft. Mit dem Schülerverkehr allein könnte kein Acht-Stunden-Tag gesichert werden. Wer aber bis zu 15 000 Euro für seinen Busführerschein ausgegeben habe, wolle auch einen vollen Arbeitstag angeboten haben, so Wruck. Deshalb würde man im alternativen Verkehr bisher eigene Mitarbeiter einsetzen. Eine flächendeckende Ausweitung würde ganz neue Anforderungen stellen. Man müsse genau prüfen, wo es wirklich den erwarteten Einspareffekt geben könnte.

In der Busgesellschaft Märkisch-Oderland gibt es noch keine Erfahrungen mit alternativem Verkehr. Dem Thema indes werde man sich künftig stellen müssen, so Ausschussvorsitzender Wolfgang Heinze (Linke). Er sehe jetzt schon Defizite, z. B. bezüglich der Erreichbarkeit eines Mittelzentrums. Wer nach Frankfurt wolle, müsse lange Fahrtzeiten in Kauf nehmen.

Man hat mal drüber geredet und wie jetzt weiter? Möglicherweise war das Thema zu kompakt und weitreichend, als das im Wirtschaftsausschuss bereits Aufträge an die Verwaltung gegeben wurden, um das Thema alternativer Verkehr für Märkisch-Oderland praktizierbar zu machen.

Angesichts des wachsenden Defizites im Kreishaushalt muss der Kreis sich umgehend der Neustrukturierung des Nahverkehrs stellen. 6,8 Millionen Euro allein für diesen Bereich sind kein Pappenstil. Zumal es offensichtlich Möglichkeiten gibt, über alternative Verkehrsangebote zum einen kräftig zu sparen und zum anderen den Wünschen von Fahrgästen sogar noch besser gerecht zu werden.

Das Ganze bedarf natürlich langfristiger Vorbereitung. Das machten die Fachleute deutlich. Der Kreis sollte den Startschuss nicht verpassen. Doris Steinkraus

Dienstag, 02. Februar 2010 (18:05)

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