Straßenbahn: Fahrverbot für Straßenbahnen soll Geld sparen – kostet aber Millionen, aus Berliner Zeitung

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treit um Schmöckwitzer Tram / Auch andere Strecken bedroht

Peter Neumann

Im Südosten von Berlin droht ein Schildbürgerstreich. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) prüfen, ob sie die Straßenbahn zwischen Grünau und Alt-Schmöckwitz stilllegen. Ihr Argument: Die Trasse müsste für mindestens vier Millionen Euro saniert werden, was angesichts der niedrigen Fahrgastzahlen Unsinn wäre. Allerdings wurde bislang verschwiegen, dass auch eine Stilllegung der landschaftlich reizvollen Strecke eine Menge Geld kosten würde – im schlimmsten Fall ungefähr genauso viel wie eine Erneuerung. Aus internen Unterlagen der BVG geht hervor, dass beim Rückbau der Anlagen Kosten von rund 4,3 Millionen Euro entstehen könnten. „Für dieses Geld kann die BVG die Strecke auch sanieren“, sagte Jutta Matuschek, Verkehrspolitikerin der Linkspartei.PDS.
Inzwischen stellte sich heraus, dass Straßenbahnabschnitte in Hohenschönhausen, Friedrichshain sowie Lichtenberg ebenfalls von der Stilllegung bedroht sind. Die BVG hat errechnen lassen, auf welchen Teilstücken sich Sanierungen nicht mehr lohnen würden. Wie jetzt bekannt wurde, fiel das Ergebnis für die Bahn in der Suermondtstraße (Linie 27) und für fast die gesamte Linie 21 negativ aus – unter anderem für die Abschnitte vom Loeper- zum Bersarinplatz sowie vom Frankfurter Tor zur Treskowallee. Wie berichtet, gelten auch die drei Teilstücke Heinersdorf-Am Steinberg (Linie M 2), Bölschestraße-Altes Wasserwerk (Linie 60) sowie Bölschestraße-Rahnsdorf (Linie 61) als Stilllegungskandidaten. Dort hält die BVG eine Umstellung auf Busverkehr sogar für „vorrangig“. Die Nordäste der M 1 nach Niederschönhausen und Rosenthal sind ebenfalls weiterhin in Gefahr.
Die Uferbahn, die am Langen See nach Schmöckwitz führt, ist also nicht die einzige bedrohte Tram-Trasse in Berlin. Allerdings stellt sich bei diesem Abschnitt der Linie 68 als Erstes die Frage, wie es weitergeht: Relativ bald müssten gerissene Holzschwellen und vier abgenutzte Gleisbögen ersetzt werden. Das kostet mindestens vier, wahrscheinlich 5,7 Millionen Euro, hieß es bei der BVG. Selbst eine provisorische Instandsetzung schlägt mit 600 000 Euro zu Buche. Die BVG warb um Verständnis. Sie müsse Steuergelder sinnvoll einsetzen, hieß es. Außerdem würden auch „Sparvarianten“ für eine Stilllegung durchgerechnet. Wenn auf eine Renaturierung verzichtet wird und die Gleise liegen blieben, reduzierten sich die Rückbaukosten auf 685 000 Euro. Dann aber hätte Berlin noch eine tote Verkehrsanlage – wie die Straßenbahngleise in der Leipziger Straße, auf denen auf absehbare Zeit kein Zug fahren wird, oder die Tunnelrohbauten bei der U-Bahn, die fast fünf Kilometer lang sind.
Die Verkehrspolitikerin Matuschek wirft der BVG vor, mit unterschiedlichen Daten zu argumentieren. So sei in den Zügen nach Schmöckwitz mehr los als bislang dargestellt. Während öffentlich von weniger als tausend Fahrgästen pro Tag die Rede war, geht die BVG intern von 702 000 Reisenden pro Jahr aus. Andere Berechnungen zeigen, dass die BVG jährlich bis zu 210 000 Fahrgäste und 130 000 Euro Fahrgelderträge verliert, wenn diese Tram nicht mehr fährt. Der Bus sei unattraktiver, da er für diese Strecke 40 Prozent mehr Zeit benötigt. Zudem ließe sich die Bahn preiswerter betreiben. So setze die BVG für einen Straßenbahn-Kilometer 60 Cent an, während ein Bus-Kilometer 71 Cent koste. Anstelle von zwei Straßenbahnen werden drei Busse für die Strecke gebraucht.
Der Bezirk fordert den Erhalt der Linie 68 und ein Marketingkonzept. Übermorgen berät die Bezirksverordnetenversammlung darüber. Matuschek forderte den Senat auf, die Strecke im Nahverkehrsplan festzuschreiben. Matthias Horth und Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB schlossen sich an: „Der Senat sollte der Verunsicherung der Fahrgäste ein Ende bereiten und klarstellen, dass es allein seine Sache ist, über Stilllegungen zu entscheiden.“

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